Tag 4: Die Stunde der Bodyguards

Der Komplex Twitter erschließt sich mir noch nicht ganz. Mir war zwar schon lange klar, dass sich-kurz-fassen  (max. 140 Zeichen) enorm schwierig ist (siehe auch die Mutter aller Kurzfass-Herausforderungen, den Headlines der BILD). Aber einen Nebeneffekt hat dieses neue Hobby ganz sicher: Man nimmt seine Um- und Außenwelt, große Sachen und kleine Details plötzlich viel intensiver wahr als vorher. Das schadet sicher nichts, da man heute vor lauter Übereindrücken oder vor ins-Smartphone-starren selbst bedeutendste Vorkommnisse kaum noch beachtet, z.B. den Strandverkäufer. Der in Salvador jedenfalls hat heute früh den d.core Blog und die marktforschung.de Kolumne gerettet. Beim frühmorgendlichen Brandungsschwimmen jedenfalls lege ich mein Tablet in sicherer Entfernung auf den Sand. Der Himmel meinte es heute nicht so gut mit mir (vgl. zum Thema Himmel den Beitrag von Tag 3), jedenfalls ließ eine Kombination aus Mondanziehungskraft und Grosswetterlage tolle Wellen entstehen, die aber gänzlich unberechenbar sind und plötzlich hinterhältig versuchen mein Tablet zu rauben, wenn nicht besagter minderbeachteter Strandverkäufer selbstlos eingegriffen hätte. Das Handtuch jedenfalls hat die Attacke des Wassers nicht so gut überstanden. Was mich moralisch verpflichtete, meine geplanten Mitbringselgeschenke und Ausstattung in gelb-grün fürs public Viewing BRA-MEX bei ihm überteuert aber dann noch runterverhandelt einzukaufen. Nach Bezahlung Versicherung der gegenseitigen größen Wertschätzung  inkl. Selfie.

Überhaupt: Wahrnehmung ist relativ: Am Montag vor dem Stadion herrschte buntes Treiben, fröhliche Vorfreude und volle Konzentration, um trotz großartiger Ausschilderung und ein paar Brocken englisch sprechender aber um so anmutiger aussehender Hostessen den Platz im Stadion nicht zu verfehlen. Nur eine Gruppe grölte und johlte lautstark um ins (diesmal öffentlich-rechtlicher nicht-Unterschichtensender) zu gelangen. Und: das TV-Team kam und filmte diese nicht-repräsentativsten aller Fans im weiten Umkreis. So ist das. Eine andere Art der Anderswahrnehmung: Der Branchendienst Meedia berichtete am Dienstag von der unglaublichen Stimmung auf einer After-Show-Party mit Rainer Callmund und de Höhner. Dieselbe Party hat unsere Gruppe einige Zeit  vorher zugunsten eines Restaurants fluchtartig verlassen, angesichts des höchst fragwürdigen Essens und der kaffefahrtähnlichen Atmosphäre.

Heute also Brasilien-Mexiko. Die Stadt in Wallung, Mittags ist Arbeitsende, Schuler und Studenten haben frei. wpid-20140617_121944.jpgWir fahren mit dem beeindruckenden Aufzug für 0,05 Real hoch in die wundervolle Altstadt, geniessen die engen Gassen, besuchen  die atemberaubende Kloster-Kirchenanlage Igreja da Ordern Terceira dos San Francisco und geniessen mal wieder ein tolles heimeliges Essen in einem kleinen Garten. Und immer dabei – unsere beiden Bodyguards, die der verzweifelten Teilnehmerin auch helfen, ein original Brasilien-Trikot zu kaufen. Auch der Autor ersteht zu seinem Trikot (vgl. Montag) und der Flagge (vgl. Strandverkäufer) ein Billig-gelb-grün-Käppi.

wpid-20140617_172726.jpg Jetzt zum Spiel: Public Viewing einmal anders:  eine Großbildleinwand haben wir vergeblich gesucht, dafür aber in jeder Straße der Altstadt in jeder Bar und jedem Restaurant einen Fernseher, ein offenes Fenster oder Türe und jede Menge Plastikstühle davor mit einer Traube Menschen drum herum. Es geht richtig ab, die Bodyguards schwitzen und verpassen ob ihrer Aufgabe fast das ganze Spiel. Die Stimmung wird durch das Unentschieden nicht weniger, auch nach dem Spiel wird fröhlich weitergefeiert. Nur bei zwei ehemaligen iPhone-Besitzern war die Stimmung sehr gedämpft. Sie waren abseits der Gruppe in einer Nebengasse und, na ja, haben es sehr bereut. Trotz omnipräsenter Polizei wohl nicht zu verhindern.

Nach dem Rückweg zum Bus im Entenmarsch mit vorne und hinten Bodyguard einstündige Busfahrt zur Beachbar, dort Essen mit Parallel-Public Viewing RUS-COR und parallelem Live-Samba-Performance.

Ich muss jetzt in den Bus zur Abfahrt zum Flughafen. Habe dann 24 Stunden Zeit um den Abschlussbericht vorzubereiten und dafür noch ein wenig Feldforschung zu betreiben. Beste Wünsche nach Deutschland, dem Land des kommenden Weltmeisters!

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